Die Erfindung des Widerstands­schnellschalters
frei nacherzählt

Regensburg
1920er Jahre

Die Elektrizität ist das große Versprechen der Moderne. In Berlin schon Realität und in anderen Metropolen. Doch in der Oberpfalz ist sie wie in vielen ländlichen Regionen noch ein launischer Gast. Inselnetze versorgen einzelne Städte, verbunden durch fragile Leitungen, die bei jeder Laständerung ins Wanken geraten. Wenn die Papierfabrik in Schwandorf ihre Walzen anwirft, spürt man es bis nach Regensburg: Lampen glimmen, Maschinen stocken, manchmal bricht das Netz ganz zusammen. Die Menschen fluchen, die Ingenieure verzweifeln.

"Wir brauchen stabilen Strom!"

Die Ingenieure
Hannover, im Frühsommer 1926

"Schalten unter Last. Das ist unmöglich."

Sein Kollege nickt. “Wir brauchen Transformatoren, die unter Last umgeschaltet werden können – ohne dass die Spannung zusammenbricht.” “Das ist unmöglich”, wirft der dritte ein. “Beim Umschalten entstehen Lichtbögen, die alles zerstören. Wir riskieren Kurzschlüsse und Ausfälle.”

Sein Kollege, Dr.-Ing. Bernhard Jansen, ein junger Doktor der Energienetze aus dem Siegerland, ergänzt: “Das Problem sind die Lichtbögen. Sobald wir den Laststrom unterbrechen, springt er über – wie ein Blitz. Die Kontakte verbrennen, und im schlimmsten Fall fliegt uns die ganze Schaltanlage um die Ohren.”

Krause lehnt sich zurück, die Stirn in Falten. “Genau das ist der Punkt. Wir brauchen eine Lösung im Transformator selbst. Etwas, das den Umschaltvorgang abfedert. Momentan ist es ein harter Schnitt: Kontakt auf – Kontakt zu. Die Energie sucht sich ihren Weg, und das ist der Lichtbogen.”

Das Arbeitszimmer
Hannover, am gleichen Abend

"Wir müssen den Übergang zähmen!"

Er greift zum Bleistift und zeichnet zwei dicke Linien – die Kontakte eines Lastschalters. “Das Problem ist der Moment des Umschaltens”, denkt er. “Wenn der Stromfluss abrupt unterbrochen wird, sucht sich die Energie ihren Weg – und das ist der Lichtbogen. Wir müssen den Übergang zähmen.

Er steht auf, geht zum Fenster, sieht die rauchenden Schornsteine der Stadt. “Die Fabriken brauchen stabile Netze. Wir können nicht warten, bis neue Leitungen gebaut sind. Die Lösung muss im Schalter liegen.

Er kritzelt eine neue Zeichnung: ein Schalter mit mehreren Kontaktstufen, dazwischen Widerstände. “Erst über den Widerstand, dann direkt. Schnell genug, damit die Spannung nicht zusammenbricht.”

Jansen lehnt sich zurück, das Herz schlägt schneller. “Das ist es. Ein Widerstands­schnellschalter. Damit können wir Transformatoren unter Last schalten – ohne Ausfall, ohne Zerstörung.”
Er lächelt, fast ungläubig. “Das wird die Elektrifizierung retten.”

Patentamt
Berlin, 13. Juli 1926

"Heute beginnt eine neue Zeit!"

Er bleibt einen Moment stehen, sieht die hohen Fenster, durch die das Licht fällt, und atmet tief durch. “Das ist es”, denkt er. “Heute beginnt eine neue Zeit.”

Als er den Antrag unterschreibt, huscht ein Gedanke durch seinen Kopf. Die Stadt, die er jeden Tag aus seinem Bürofenster sieht, mit ihren Gassen, Werkstätten und Fabriken. Wie oft hatte er erlebt, dass die Lichter flackerten, Maschinen stillstanden, weil das Netz schwankte. “Wenn wir das schaffen”, sagte er sich, “wird hier kein Werk mehr stillstehen. Und nicht nur hier. Überall.
Er stellt sich vor, wie die Zukunft aussehen wird: Fabriken, die Tag und Nacht produzieren, Städte, die im Glanz elektrischen Lichts erstrahlen, Haushalte, die sich auf Strom verlassen wie auf Wasser aus dem Hahn.

"Dies ist der Beginn einer elektrischen Revolution!"

Das Zahnrad
Regensburg, Herbst 1929

Seine Bürotür geht auf. Die Egelhofer mit dem Tee, im Schlepptau sein Ingenieur Landauer. “Mit Verlaub, Herr Direktor, haben wir denn schon alles versucht, was in unserer Macht steht?”
“Was meinen Sie denn, was ich hier die ganze Zeit hindurch tue? Zeitung lesen? Ich finde einfach keine Schlosserei, die mir dieses vermaledeite Zahnrad herstellen kann, geschweige denn den ganzen Rest!” Jansen sackt in sich zusammen und schüttelte den Kopf. “Es ist geradezu lächerlich.”

Reinhausen, 5. November 1929, 
halb neun am Morgen

Oskar Scheubeck fasst sich an die Schläfen. Dieses Kopfweh macht ihn verrückt. Seit Tagen kann er kaum noch schlafen. Mal schauen, was zuerst kommen würde, die Pleite oder eine erholsame Nacht.

Richard wirft seinen Mantel um und geht aus der Werkstatt in den morgendlichen Nieselregen. Oskar Scheubeck nimmt einen Schluck Bohnenkaffee aus seinem Becher. Der einzige Luxus, den sie sich zurzeit noch gönnen.

Teufel, er hatte den “Doktor” vergessen! Richard würde aus der Haut fahren.
Jansen zieht ein paar Papiere aus der Tasche und breitet sie auf der Werkbank aus. Scheubeck sieht auf lauter komplizierte Konstruktionszeichnungen.
“Es ist dieses hier.” Jansen deutete auf ein Zahnrad. “Im Grunde ganz einfach. Können Sie mir dieses Zahnrad bauen, genau nach den Maßgaben? Ich bräuchte es so bald, wie es nur irgendwie geht. Wichtig ist, dass Sie sich exakt an die Vorgaben halten. Ich wiederhole: exakt!”
“Wofür ist denn das Teil?”
“Ich baue damit einen Stufenschalter für Transformatoren.”
“Nie gehört.”
“Das müssen Sie auch nicht. Hauptsache, Sie bauen mir dieses Zahnrad. Kann ich mich auf Sie verlassen?
“Selbstverständlich, Herr Doktor!”
“Gut. Melden Sie sich bei mir, wenn Sie es geschafft haben. Guten Tag, mein Herr.”
“Auf Wiederschaun, Herr Doktor!”
Weg war er. Komischer Bursche. Scheubeck sieht sich die Zeichnung in Ruhe an. Diese Kopfschmerzen!

Der Lehrbub
Derselbe Tag, zehn Uhr am Morgen

Endlich mal wieder was Schönes! Hier in der Werkstatt lachte man kaum noch. Seit das Flugzeug der Scheubecks abgestürzt war, laufen die Meister nur noch mit langen Gesichtern durch die Gegend. Bauer befürchtet, dass es mit der Maschinenfabrik zu Ende geht. Ein Kollege nach dem anderen zieht woanders hin. Einige bleiben in der Gegend, andere gehen sogar nach München. Dort gebe es noch viel Arbeit für fleißige Schlosser, heißt es. Sollte er ihnen folgen? Aber was wäre dann mit Ottilie?

“Xaverl, komm mal her.” Der junge Scheubeck ruft ihn.
“Jawoll, Herr Oskar.” Er geht zu Oskar Scheubecks Werkbank, wo dieser auf ein paar Blätter starrt. Der Chef sieht heute noch verbissener drein als die letzten Tage.

Der junge Scheubeck klopft ihm auf die Schulter und ging dann Richtung Treppe. Xaver Bauer schaute auf die Zeichnung. Ganz schön kompliziert. Er kann kaum die handgeschriebenen Maße entziffern. Zwanzig Minuten steht er da. Dann beschließt er, einfach zu beginnen.

Der Handschlag
18 Uhr am Abend

“Und das haben Sie an nur einem Tag hinbekommen, Herr Scheubeck? Donnerwetter!”
“Ja, Herr Doktor. Das heißt nein. Ich war’s nicht, sondern mein Lehrlingsbursche hier, der Xaverl. Eigentlich wollte ich nur, dass er sich die Sache mal überlegt, aber dann hat er’s gleich gebaut und mir soeben gezeigt.”

Der Bursche wird rot im Gesicht.
“Ich kann’s gar nicht sagen, Herr Doktor. Ich hab einfach angefangen und dann … Ich kann’s gar nicht sagen.”
Jansen muss lachen.
“Sie sind mir so ein Teufelskerl, Xaver!”
Scheubeck sieht seinen Burschen grinsend an. Der Stolz des Meisters auf seinen fähigen Lehrling. Zu Recht. Die Leistung war wirklich ungewöhnlich.
Jansen streckt Xaver die Hand hin. Der ergreift sie und errötet wieder.
“Gut gemacht, Junge!”
Dann reicht Jansen auch Scheubeck die Hand.
“Wissen Sie was, Herr Scheubeck? Wenn bei Ihnen schon die Lehrlinge gescheiter sind als die Meister anderswo, dann habe ich wohl meine Schlosserei gefunden. Ich möchte, dass Sie für mich weitere Teile bauen. Sind Sie einverstanden?”

“Hier habe ich noch mehr Zeichnungen.” Jansen holt ein paar Blätter aus seiner Tasche und legt sie auf die Werkbank. Scheubeck steht links von ihm, der Lehrling rechts.
Jansen beginnt zu erklären.
“Also, das ist der Stufenschalter.”

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